Betriebs-Porträt

Pestalozzi Kinderdorf

Betriebsleiter und Mitarbeitende auf dem Feld mit frisch geernteten Salatköpfen
Das Gärtnerei-Team im Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf baut Gemüse nach biologisch-dynamischen Richtlinien an.

Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Wahlwies e.V.
Pestalozzi Gärtnerei, Christian Richter
Pestalozzistraße 34
78333 Stockach Wahlwies

07771 875392

gaertnerei(at)pestalozzi-kinderdorf.de
www.pestalozzi-kinderdorf.de

Sehen wo's herkommt

 

Weit mehr als "nur" Gemüse-Anbau

Eigentlich hat Christian Richter keine Zeit. Nach zwei Wochen Dauerregen scheint hier am nordwestlichen Ufer des Bodensees seit gestern wieder die Sonne und endlich können er und seine Mannschaft auf die Äcker hinaus. Aber der Gärtner hat Besuch. Und wenn sich jemand für seine und die Arbeit des Pestalozzi Kinder- und Jugenddorfes interessiert, dann will er schon, dass der Gast einen ordentlichen Einblick bekommt.

Das Kinderdorf gibt es seit 1947. Die Idee dazu ist um einiges älter, doch es brauchte seine Zeit, ehe sich die richtigen Köpfe gefunden hatten, die entscheidenden Hebel bewegt waren und am 5. März 1947 die ersten fünf Pflegekinder ihr neues Heim in Wahlwies, einem kleinen Ort im Süden Baden-Württembergs, beziehen konnten. Die wenigsten Außenstehenden gaben dem Projekt mehr als zwei Jahre. Woher sollte auch im vom Krieg zerrütteten Deutschland die Energie kommen, in einer kleinen Siedlung Kriegswaisen zu helfen? Und doch hatte die Idee Bestand: Bis heute fängt das Pestalozzi-Dorf in Not geratene Kinder und Jugendliche auf.

Zur Zeit haben wir neun Lehrlinge hier", erzählt Christian Richter. Die Gärtnerei ist einer der zehn Ausbildungsbetriebe im Kinderdorf, und unter der Obhut des umsichtigen Pädagogen absolvieren die Jugendlichen eine Voll- oder eine Fachwerker-Ausbildung. "Wir sind für sie oft die letzte Anlaufstelle." Die meisten kommen aus sozial kaputten Familien und hängen in ihrer Entwicklung so weit hinterher, dass sie in der freien Wirtschaft nicht mehr Fuß fassen könnten.

Es geht um die Zusammenhänge

Dabei ist das Kinderdorf keine Einbahnstraße. Vielmehr "eine moderne Jugendhilfe-Einrichtung", wie der Ausbilder betont. "Wir wollen sie nicht einfach nur betreuen; die jungen Menschen lernen hier zu arbeiten, entwickeln Selbstvertrauen. Und es macht ihnen Spaß." Sie übernehmen Verantwortung, sehen, wie unter ihren Händen Dinge entstehen und erleben, wie die Gemeinschaft damit umgeht. – Gerade heute hat der Küchen-Chef des Kinderdorfes aus "ihren" Kartoffeln und dem Blumenkohl einen Auflauf gezaubert, der in der gemeinsamen Kantine so schnell in den Bäuchen verschwindet, dass sogar der Nachschlag ausgeht.

So erfüllen Betriebe wie die Gärtnerei diese zwei Ziele: Sie ermöglichen es dem Dorf, sich selbst zu versorgen und bieten den jungen Menschen sinnvolle Arbeit. Diese Aufgaben sah auch Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) in der Landwirtschaft. – Der Schweitzer Pädagoge ist durch sein Bemühen für mittellose Waisen zum Namenspatron des Kinderdorfes geworden. Wahlwies wäre also ohne Landwirtschaft nicht denkbar. Einer der Gründungsväter des Dorfes, Adalbert Graf von Keyserlingk (1905-1993), ging dabei noch einen Schritt weiter: Im Pestalozzi-Kinderdorf sollte der von Rudolf Steiner (1861-1925) entwickelte biologisch-dynamische Landbau angewendet werden. Denn auf von Keyserlingks elterlichen Gut Koberwitz in Schlesien hatte Rudolf Steiner 1924 diese Wirtschaftsform begründet.

Christian Richters Entscheidung für Bio fiel vor vielen Jahren in einem Münchner Großbetrieb: "Bei meiner ersten Anstellung war ich verantwortlich fürs Spritzen und die Unkrautbekämpfung." Was er dabei lernte, bewegte ihn, einen anderen Weg einzuschlagen. 1980 kam er nach Wahlwies. Da war er längst vom biologisch-dynamischen Anbau überzeugt. Auch für seine Schützlinge sei es das Richtige: "So lernen sie die Natur zu achten, Zusammenhänge zu verstehen und, dass sie selbst ein Teil von all dem sind." Seit 1972 ist die Pestalozzi-Gärtnerei Demeter-zertifiziert.

Zeitlos alt – ausnahmslos modern

Neben Orientierung und Werten erfahren die Jugendlichen auch, was moderner Öko-Landbau bedeutet. "Wir haben eine sehr gute technische Ausstattung", sagt der Gärtnermeister und nennt als Beispiel "die modernste Pflanzmaschine, die derzeit auf dem Markt ist." Bis zu 20.000 Setzlinge könne sie pro Stunde in den Boden bringen. Schließlich gilt es 21 Hektar Freiland immer wieder mit den verschiedensten Sorten Salat und Kohl sowie Spinat oder Möhren zu bestücken.

Zeitlos erscheinen dagegen die Methoden, mit denen Demeter-Bauern, den Boden und die Pflanzen behandeln. Wie zu Rudolf Steiners Zeiten liegt ein Schwerpunkt beim Kompost. Den stellt die Pestalozzi-Gärtnerei selbst her, bezieht ihn aber auch aus der Landwirtschaft des Dorfes. Genau wie den Dung von Rindern, Schweinen und Pferden. Das bringt, vermengt mit Kräuterpräparaten, die nötigen Nährstoffe in die Erde. Ein Wechsel der Fruchtfolgen wirkt ebenso dem Auslaugen entgegen und hilft, Schädlingen vorzubeugen. Chemisch-synthetische Spritz- und Düngemittel verwendet kein Demeter-Landwirt; sie setzen statt dessen auf verschiedene Pflegemittel, die die Pflanzen stärken. Neben den Äckern bewirtschaftet die Gärtner-Mannschaft rund 1,5 Hektar Glashaus. Hier wachsen Gurken, Tomaten, Paprika und anderes mehr.

Garantiert ökologisch erzeugte Produkte

Wie jeder ökologisch wirtschaftende Betrieb wird auch die Demeter-Gärtnerei des Pestalozzi Kinder- und Jugenddorfes mindestens einmal jährlich auf die Einhaltung der EG-Öko-Verordnung und zusätzlich der Demeter-Verbandsrichtlinien überprüft. Diese Kontrollen führt eine unabhängige, staatlich zugelassene Kontrollstelle durch, bei der der Betrieb unter der Kontrollnummer DE-BW-022-6741-A geführt wird.

Weitere Informationen:

Website des Demeter-Verbandes

Wie hier die Energien fließen

Seit 2010 kommt die Energie für die Glashäuser von der Hackschnitzel-Heizung des Kinderdorfes. Sie erzeugt so viel Wärme, dass ein Teil für die weiteren Gebäude übrigbleibt. Ähnlich verhält es sich mit dem Strom: Solar-Anlagen auf der 140 mal elf Meter großen Maschinenhalle erzeugen mehr Energie, als die Siedlung verbrauchen kann. "Wir sind ständig am Bauen und Entwickeln", sagt Richter mit Blick auf die Gesamtheit des Dorfes, aber auch auf einzelne Betriebe wie Gärtnerei und Schreinerei sowie auf Einrichtungen wie Therapeutikum, Kindergarten und die Wohnhäuser.

Durch alles zieht sich der Naturschutz; auch das ist Teil der biologisch-dynamischen Ausrichtung im Dorf. Das ganze Gelände wurde als einziger großer Garten geplant. Zwischen den mächtigen, zum Teil seltenen Baumriesen winden sich vielgestaltige Hecken, hier und da liegen bunte Blühwiesen und ortsaußerhalb bieten Streu-Obstbäume, weitere Hecken und sorgsam gepflegte Bachläufe vielen Tieren und Pflanzen ein Zuhause. Nicht zuletzt kümmern sich die Dorfbewohner um das Naturschutz-Gebiet Schanderied.

Die Arbeit mit den Jugendlichen macht ungeheuer Spaß", sagt Christian Richter. Trotz seiner großen Erfahrung und dem steten Austausch mit Kinderdorf-Kollegen hat er noch ein Psychologie-Studium absolviert. "Es kommt soviel an Energie zurück, wie man hineinsteckt." Viele seiner Schützlinge finden nach ihrer Zeit im Kinderdorf einen Beruf und gründen eine Familie.

Gärtnerei im Kinderdorf

Die Pestalozzi Gärtnerei gehört zu den zehn Zweckbetrieben des Pestalozzi Kinder- und Jugenddorfes Wahlwies: Einerseits trägt sie seit je her dazu bei, dass die Dorfbewohner frische Lebensmittel erhalten. Andererseits gibt sie jungen Menschen Arbeit, die im Kinderdorf ein Zuhause gefunden haben oder von der Jugendhilfe und der Agentur für Arbeit geschickt werden, um dort ihre Ausbildung zu absolvieren.

Gemeinsam bauen sie folgende Gemüse an: Salate, Gurken, Tomaten, Kohlrabi, Spinat, Radiccio, Endivien, Bundmöhren, Blumenkohl, Wirsing, Zwiebel, Broccoli, Kürbisse und anderes mehr.

Zum Kinderdorf gehören neben der Gärtnerei auch eine Landwirtschaft und ein Obstanbau, so dass ein breites Spektrum an Erzeugnissen abgedeckt wird. Die Waren gibt es im Pestalozzi-Dorfladen, sie werden aber auch in der Gemeinschaftsküche verwendet und zum Teil in der Pestalozzi Bäckerei. Der Dorfladen öffnet Dienstag, Freitag und Samstag von acht bis 18 Uhr.

Was das Dorf für den Eigenbedarf nicht braucht, geht an die Feneberg-Märkte, die das Gemüse als VonHier-Produkt anbietet. Ein weiterer Abnehmer ist der regionale Naturkost-Handel. Nicht zuletzt verkaufen die Gärtner ihre Erzeugnisse auf Wochenmärkten: Dienstag, Freitag und Samstag von sieben bis 13 Uhr in Konstanz, Mittwoch und Samstag von sieben bis 13 Uhr in Radolfzell und Freitag von sieben bis 13 Uhr in Stockach.

Dorfladen und Bäckerei

Der Pestalozzi-Dorfladen und die Bäckerei führen die breite Produktpalette eines gängigen Bio-Geschäftes. Demeter-Waren wie Obst, Gemüse, Milch und Fleisch erzeugen die dorfeigenen Betriebe, viele Käse-Spezialitäten kommen von Demeter-Betrieben aus der Region. Die Backwaren fertigt die Bäckerei in Demeter-Qualität.

Öffnungszeiten

Dienstag, Freitag und Samstag von 8.00 bis 18.00 Uhr

Bio vor Ort